
Das Programm stand unter dem Motto „Städte bewegen – Miasta Poruszają“. Initiator und Financier war das Projekt „Kulturprojekte Berlin“ der Stadt Berlin. Bei der Durchführung standen Berlin zahlreiche Partnerorganisationen zur Seite. Federführend für die Planung und Realisierung war das Kurator*innen-Team des Kulturzugs Berlin-Wrocław, Oliver Spatz, Ewa Stróżczyńska-Wille und Natalie Wasserman.

Seit 2016 pendelt zwischen Berlin und der niederschlesischen Metropole Breslau, auf Polnisch Wrocław, an den Wochenenden ein spezieller Triebzug als Kulturzug mit auf jeder Fahrt anderem Programm an Bord. Dieser Zug wurde mehrfach prämiert. Sein Erfolg führte zu der Idee, dieses Format auch auf der Strecke Berlin-Poznań-Warszawa anzubieten. Für den Zug nach Warschau hatte sich auch der heutige Vizepräsident des Verbands deutscher Eisenbahn-Ingenieure VDEI, Dr. Jürgen Murach, eingesetzt.
Als Sonder-Waggon wurde von der Staatsbahn PKP ein Salonwagen gemietet, den das Kulturteam von Tischen und Stühlen befreite. Danach wurde das Innere des Waggons liebevoll umgebaut und geschmückt. So konnten Musiker konzertieren, ein Dirigent der Oper in Poznań übte mit dem Publikum theatralische Bewegungen und Gesang, es gab deutsch-polnische Sprachlektionen, Filmvorführungen, und abends konnten alle zu Technoklängen abtanzen.
In den Abteilen wurden Flugblätter verteilt, die alle Zugreisenden auf die Möglichkeit hinwiesen, kostenlos an dem Programm teilzunehmen. Eine brillante Tonanlage übertrug Musik und Sprache auf Lautsprecher und Kopfhörer. Mit diesen konnten Teilnehmende auch die Simultan-Übersetzung der Vorträge hören, sofern sie der Sprache der Vortragenden nicht mächtig waren.

STALIN UND DIE ROCK-GITARRE

Wer aus dem Bahnhofsgebäude Warszawa Centralna ins Freie tritt, trifft auf eine Symbiose von Tradition und Moderne. Da ist der einst von Stalin „geschenkte“ Kultur- und Wissenschafts-Palast im Zuckerbäcker-Stil – davor ragt eine überdimensionale Gitarre gen Himmel, Reklame für das an den Bahnhof grenzende Hard Rock Café. Empfehlenswert ist ein Besuch der obersten Etage des Kulturpalasts. Man hat einen fabelhaften Überblick über die Stadt, sieht moderne Hochhäuser und historische Stadtteile.
Ganz in der Nähe gibt es Hotels und Geschäfte. Die Flaniermeile Nowy Świat führt vorbei an berühmten Kirchen und dem Präsidentenpalast zur historischen Altstadt, die nach dem 2. Weltkrieg bewunderungswürdig wieder aufgebaut wurde. Wer polnische Speisen genießen möchte, wird in dem nahegelegenen Restaurant Soul Kitchen an der Ulica Nowogrodzka bestens bedient. Ob Schnitzel oder Sauersuppe – hier werden auch klassische bodenständige Speisen durch ein gewisses Extra geadelt. Freunde japanischer Küche sollten hingegen das Restaurant Satoshi Sushi Wołoska aufsuchen. Hier sind alle Positionen ein Hochgenuss.
Natürlich ist auch das deutlich näher an Berlin liegende Posen/ Poznań unbedingt eines Besuches wert. Das Kulturprogramm war so konzipiert, dass die einzelnen Punkte bei Einfahrt des Zugs in den Bahnhof Posen eine Pause hatten.
Leckere Sushi Made in Warsaw …… Kopernikus trifft Goethe: Ein speziell angefertigtes Wandbild für den Kulturzug von Max Skorwider.

Besonders spannend war ein Vortrag von Dr. Agnieszka Łada-Konefał vom Deutschen Polen-Institut in Darmstadt. Die Forscherin stellte Ergebnisse des „Deutsch-Polnischen Barometers 2024“ vor. Bemerkenswert: Während in Deutschland immer besser über Polen und seine Einwohner gedacht wird, wächst in der polnischen Jugend unter dem Einfluss der national-polnischen Partei PiS der Argwohn gegen Deutschland. Für weitere „Kulturzüge“ besteht also gewiss weiterer Bedarf. Allerdings könnte das angesichts heutiger knapper öffentlicher Kassen schwierig werden.
Erst einmal wird ab dem 11. April 2025 wieder der Kulturzug Berlin-Wrocław verkehren. Peter Neumann schreibt dazu in der Berliner Zeitung: „Nach einer Zitterpartie steuerten Berlin und Brandenburg im vergangenen Jahr rund 2,1 Millionen Euro bei. Auch für dieses Jahr ist die Finanzierung gesichert. Wie bisher fährt ein DB-Triebwagen-Pärchen freitags sowie sonnabends von Berlin nach Breslau und freitags sowie sonnabends zurück – in rund viereinhalb Stunden. Eine Fahrt über die ganze Strecke kostet 24,90 Euro (wie im vergangenen Jahr). Ein Drittel der 220 Sitzplätze kann reserviert werden.“
Hermann Schmidtendorf